Der Sohn

Der Sohn

Ich zitterte: Zum ersten Mal in meinem Leben sollte ich eine Frau sehen, das heißt, eine junge attraktive Frau. Wir hatten Matronen im Internat, aber die waren schon sehr Jahre alt und zählten nicht als Frauen, und wenn ich sage: „zum ersten Mal“, ist das auch nicht ganz richtig. Wahrscheinlich habe ich schon, ehe ich sieben war, Frauen gekannt, doch seitdem bin ich im Internat, und ich konnte mich nicht so weit zurückerinnern. Jetzt nach all diesen Jahren des Fragens und Sehnens nach jenem Geheimnis, sollte ich eine schöne Frau sehen, eigentlich Wiedersehen. Ich bin Anfang des letzten Krieges in Camden Town im Norden Londons geboren. Ich weiß nicht viel über meine Eltern, außer, daß sie Schweden sind, die während eines Aufenthalts in England vom Krieg überrascht wurden, und ich weiß, daß ich zwei Schwestern habe. Meine Mutter war, soweit ich mich erinnern kann, eine schöne Frau, die gut für uns sorgte. Aber als ich dann sieben Jahre alt war, steckte man mich aus einem geheimnisvollen Grund (wahrscheinlich weil ich etwas Schändliches und Entsetzliches getan hatte) ins Internat.
Je älter ich wurde, desto mehr bedrückten mich Schuldgefühle. Aber ich konnte mich, so oft ich es auch versuchte, absolut nicht daran erinnern, was ich ausgefressen hatte. Ich versuchte auf jede Weise anständig und ordentlich zu sein, hoffte, daß meine Eltern mich wieder zu sich nähmen und lieb hätten.
Ich glaubte oder hoffte, sie würden hören, daß ich mich gebessert hätte. Aber sie kamen nicht. Vielleicht wegen des großen Skandals in meiner Vergangenheit oder nur, weil ich so schüchtern war, schien niemand mich haben zu wollen. Gelegentlich kamen Leute und sahen uns zu, während wir auf dem Hof spielten, und viele meiner Freunde wurden gerufen, weil Ehepaare, die ein Kind adoptieren wollten, sie in die engere Wahl gezogen hatten. Aber bis zum Beginn meines vierzehnten Lebensjahrs hat nie jemand etwas von mir wissen wollen.
Zu dieser Zeit war ich ein großer, schlanker Junge, mit einer aschblonden Haarmähne und weit auseinanderstehenden hellblauen Augen, wodurch ich ehrlich, fast einfältig wirkte. Mein Mund mit den zu vollen Lippen war etwas zu groß, und im Sommer bekam ich immer Sommersprossen. Aber ich war kein hässlicher Junge. Trotzdem hatte ich, als ich am Nachmittag meines vierzehnten Geburtstags aus der Schule ins Internat zurückkam, die Hoffnung aufgegeben, je wieder Mitglied einer Familie zu werden, da so viele Jahre vergangen waren, ohne daß jemand sich auch nur im geringsten für mich interessiert hätte. Ich war darum überrascht, als mir beim Betreten des Hofes eine der Hausmütter sagte, meine Eltern seien gekommen, um mich aus dem Internat zurückzuholen. Ich eilte hinein um mich zu waschen, aber ein paar Minuten lang war ich wie gelähmt, so groß war meine innere Erregung. Nicht nur die Möglichkeit zurückgeholt zu werden überwältigte mich, sondern mehr noch die Tatsache, daß meine Mutter noch eine junge Frau war. Denn die Hausmutter hatte gesagt, daß meine Eltern jung seien, und ich konnte mich nicht erinnern, jemals eine junge Frau gesehen zu haben. Aus irgendeinem Grunde hatte man mir das nicht erlaubt. Jedesmal, wenn eine Frau ins Waisenhaus kam, durfte ich mich nicht zeigen. Und so hatte die Aussicht, einer jungen Frau gegenüberzutreten, mich vor Erregung zittern lassen. Aber dann faßte ich mich wieder, wusch mich gründlich und eilte in das Büro. Die Tür stand einen Spalt breit offen, und ich wollte gerade die Hand auf die Klinke legen, da hörte ich drinnen die seltsamste und schönste Stimme, die ich je gehört hatte. Sie war tiefer als die eines Jungen, voller und kehliger, aber sie war auch höher als die eines Mannes und süß, wie der Gesang eines Vogels. Sie sagte …
„… und Sie sagen, er hat bis jetzt noch nicht einmal Bilder von Frauen gesehen? Niemals?“
„Nein, Mrs. Brahe“, antwortete die tiefe Stimme Mr. Andersons, des Vorstehers. „Wir haben sie aus allen Büchern und Zeitschriften herausgeschnitten, ehe er sie zu lesen bekam. Sie hatten dies ja seinerzeit zur Bedingung gemacht und wir haben uns daran gehalten.“
Die magische Wirkung der Frauenstimme, verbunden mit der Beschämung über das, was Anderson sagte, ging mir durch und durch. Ich riß mich aber zusammen und klopfte schüchtern.
„Herein“, sagte Anderson.
Was ich sah, verschlug mir den Atem. Ich hatte natürlich dies und jenes über Frauen gelesen und hatte seit Jahren mich immer wieder bemüht, mir ein Bild von ihnen zu machen, aber es war stets verschwommen geblieben. Ich hatte kaum bemerkt, daß drei Menschen dort am Tisch saßen, als meine Mutter sich mir zuwandte. Ich habe sie gewiß ehrfürchtig und zugleich bewundernd eine ganze Weile angestarrt.
Sie trug einen großen Pelzhut und eine Nerzstola hing von ihren Schultern über ein Kleid, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ein Hauch von Luxus und Schönheit umgab sie. Ihr Haar schimmerte blauschwarz und schien wie Kristall die Strahlen der Nachmittagssonne zu reflektieren. Ihr Hals war lang und schmal. Ihre Haut war weiß und hatte den matten Glanz von Perlmutt. Unterhalb des v-förmigen Ausschnitts ihres Kleides war ein seltsames weiteres V in ihrem schwellenden Fleisch. Ich starrte darauf und sah, wie es im Rhythmus ihres Atmens wogte und wieviel weißer ihre Haut dort war, wo sie den Blicken immer wieder entschwand.
Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, und der Rock reichte ihr bis ans Knie. Ihre Beine steckten in hauchdünnen Strümpfen und schienen von einem Künstler in Wachs modelliert zu sein. Sie hatte anmutig geschwungene Waden und sehr schmale Fesseln. Wie kann sie nur stehen, fragte ich mich, als ich ihre hochhackigen Schuhe bemerkte.
Aber dann sah ich das größte Wunder: ihr Gesicht. Wenn man sich vorstellen kann, wie es wäre, wenn man als Blinder plötzlich sehend würde und zum ersten Mal ein Blütenblatt sähe, dann weiß man ungefähr, wie mir zumute war. Daß dieses Gesicht das schönste war, das ich je gesehen hatte, wäre eine Untertreibung. Sie war sehr elegant, hatte etwas aristokratisches, aber was war das im Vergleich zu diesem Gesicht? Sie hatte schön geschwungene Brauen, über denen die Haut glatt und straff war. Ihre Nase war gerade und schmal, ihre Wangen waren glatt und weiß, röteten sich aber ein wenig, als sie meinem ehrfürchtigen Blick begegnete. Ihre Lippen waren leuchtend rot, wie reife Erdbeeren, die vom Tau glänzen. Wenn sie lächelte, bildete sich auf jeder ihrer Wangen ein Grübchen. Auf ihrem runden Kinn war in der Mitte ein kleiner Spalt. Dieses Gesicht hätte jeden Maler oder Bildhauer begeistert, aber für mich, den unerfahrenen Jungen, war es eine Offenbarung! Und ihre Augen! Große, hellgraue Augen, die mich fragend und ermutigend musterten, und in denen sich Wärme und Trost spiegelten. Die ganze Zeit, die ich dort stand, blickte sie mich mit dem gleichen überraschten, gespannten und zugleich fast lockenden Ausdruck an. Mir wurde dabei so schwach in den Knien, daß ich fast gestolpert und hingefallen wäre. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, bis Mr. Anderson plötzlich auf mich zukam, meine Hand ergriff, und mich an den Tisch zog.
„Komm, Lars“, sagte er. „Sag‘ deinen Eltern, die aus Stockholm gekommen sind, guten Tag.“ Und erst da sah ich, daß mein Vater neben ihr ein Blatt Papier in der Hand hielt, und daß auf dem Tisch alle möglichen Dokumente verstreut lagen.
Sie musterte mich immer noch, lächelte aber jetzt und nahm mich in die Arme. Ich erinnere mich, daß die Hände von Damen von ihren Rittern immer geküsst wurden. Ich zögerte, wurde rot, ergriff ihre Hand, zögerte wieder, und berührte sie dann schüchtern mit meinen Lippen. Dabei stieg mir ein verführerisch köstlicher Duft in die Nase. Ich unterdrückte einen Ausruf des Entzückens und trat, gewiß plötzlich blass geworden, einen Schritt zurück.
„Guten Tag, Lars“, sagte sie mit ihrer leisen, singenden Stimme, die ich schon vorher gehört hatte. „Guten Tag, Mutter“, stotterte ich. „Fr … freue mich … sehr, dich wiederzusehen.“ Ich durfte sie nicht weiter anstarren, aber ich konnte den Blick nicht von ihr wenden. Ich wußte, ich machte einen furchtbaren Eindruck, aber sie lächelte und sagte: „Hier ist dein Vater.“
Mein Vater war ein großer, vornehm aussehender Mann in einem gut geschnittenen Nadelstreifenanzug. Er hatte blondes, schon etwas schüttertes Haar, obwohl er sicherlich nicht älter als Mitte Dreißig war. Er blickte mich mit seinen blauen Augen freundlich an, als er sich ein wenig hinunterbeugte, um meine Hand zu ergreifen, die er fest drückte. Ich bemerkte, daß sein Mund sehr schmal und seine Wangen knochig waren. Sein Lächeln war warm, aber auch ein wenig überlegen.
Ich setzte mich, und viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Die beiden kamen mir wie Götter vor oder wie die Menschen, von denen man in alten Geschichten liest. Sie wirkten in ihrem Benehmen und ihrer Kleidung vornehm, und einen so schönen Mann hatte ich auch noch nie gesehen. „Ihr Brahes, Lars“, sagte Mr. Anderson und blickte mich dabei mit seinen kleinen braunen Augen streng an, „stammt aus einer der ältesten und bedeutendsten Familien Schwedens. Du kannst dich als Glückskind bezeichnen, daß sich deine Eltern entschlossen haben, dich wieder nach Hause zu holen.“ Mr. Anderson war nicht mehr ganz jung und trug einen Kneifer, der mich einschüchterte. Ich stammelte irgend etwas und nickte. Inzwischen begann mein Vater einige der Papiere zu studieren, die auf dem Tisch lagen und einem Umschlag entnommen waren, auf dem stand: „Lars Brahe“. Meine Mutter drehte ihren Stuhl so, daß wir uns genau gegenübersaßen, und fragte: „Lars, Mr. Anderson hat uns über dich berichtet, aber würdest du mir sagen, wie es dir im Internat gefallen hat?“ Mit einem Blick zu Anderson hin antwortete ich, ich würde hier sehr gut behandelt, sehnte mich aber, wie wohl jeder, nach dem eigenen Zuhause.
„Wie ich gehört habe, liest du viel“, sagte sie.
„ Ja“, erwiderte ich und zögerte, als mein Blick auf die sich unter dem eng anliegenden Kleid abhebenden, schönen Formen ihres Körpers fiel. Und da streckte sie die Beine ein wenig aus und schlug sie dann über einander, wobei ihr Rock noch etwas höher rutschte. Warum faszinierte mich das so? Warum war dies kleine Stück Bein gleich über ihrem Knie so wichtig für mich?
„Ehe du ins Internat kamst, hast du in der Stadt gelebt“, sagte sie, über meine Verwirrung lächelnd. „Hast du dort lieber gelebt, als hier im Internat auf dem Lande?“ Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich wurde wieder rot und stotterte dann: „Ich kann mich leider nicht mehr an die Stadt erinnern. Aber sie hat mich immer interessiert. Doch auf dem Lande bin ich zu Hause und liebe es. Ich weiß es einfach nicht.“
Sie hatte schwedisch gesprochen, und ich antwortete fließend in der gleichen Sprache, da ich mich oft mit einer der Hausmütter, die aus Schweden stammte, in dieser Sprache unterhalten hatte.
Während wir uns unterhielten, ertappte ich mich dabei, wie ich auf den Teil ihres Schenkels blickte, der über den übereinandergeschlagenen Blicken sichtbar war, und sogar auf ihre Finger, die lässig mit ihrem Rock spielten und ihn immer noch ein Stückchen höher zogen. Weil sie am Tisch saß, konnte keiner der beiden Männer sehen, was darunter vorging. Ihr Rock war jetzt ein ganzes Stück hoch gerutscht. Eine merkwürdige Erregung überkam mich. Ich wußte nicht, wie ich dieses Gefühl bezeichnen sollte, aber es war beglückend, und ich kam mir plötzlich wie ein Mann vor. Ich kann es nicht anders ausdrücken.
Sie sah mich einen Augenblick an, und ich wandte die Augen ab, beschämt und von mir angewidert, und dann wandte sie sich lächelnd Mr. Anderson zu.

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